Montag, 21. August 2017



Er will mit seinen besten Freundinnen auf ein Zimmer, Schwuler Tim (15) kämpft gegen Klassenfahrt-Regeln. – (Da ist sie wieder diese kleine Versteckte Homophobie in unserer Gesellschaft)

Eigentlich ist die Klassenfahrt im Oktober ein Grund zur Freude. Aber Tim (15) möchte sich ein Zimmer mit seinen besten Freunden teilen. Und die sind Mädchen ...
Greifswald – Mit einer Petition will der homosexuelle Schüler Tim (15) aus Mecklenburg-Vorpommern erreichen, dass er sich ein Zimmer mit seinen besten Freundinnen teilen darf.
Tim ist schwul. Das weiß der 15-Jährige seit der achten Klasse. Seine Eltern unterstützen ihn, alles könnte gut sein. Könnte. Tim möchte in England ein Zimmer mit Menschen teilen, mit denen er sich besonders gut versteht – das sind in seinem Fall Mädchen. Für Tims Eltern geht das in Ordnung, auch die Eltern der anderen Schülerinnen sind einverstanden.

Aber dass Mädchen und Jungs in einem Zimmer schlafen, ist grundsätzlich nicht vorgesehen. Und alle anderen, mit denen der Schüler bislang gesprochen hat, zeigen für seinen Wunsch kein Verständnis.

Tim (15) ist homosexuell und möchte sich auf der Klassenfahrt mit seinen be­s‍ten Freundinnen ein Zimmer teilen. Auch wenn alle Eltern zuge­s‍timmt haben – dem Zehntkläßler bleibt der unübliche Wunsch verwehrtFoto: Privat
Die Lehrer rieten ihm, „keinen großen Aufstand“ zu machen, sagt Tim im Gespräch mit BILD. Es sei ja nicht schlimm, er sei ja nur nachts da. „Und wenn dir langweilig ist, kannst du ja ein Buch lesen“, soll ihm geraten worden sein. Auch der Direktor Ulf Burmei­s‍ter soll sich stur gestellt haben. „Er argumentiert rücksichtslos mit ‚Deine Homosexualität ist kein triftiger Grund dafür, dass du mit Mädchen in ein Zimmer darfst'“, sagt Tim. Ein triftiger Grund sei es, so der Schulleiter, wenn die Jungs Tim gemobbt hätten.

Homosexualität fühlt sich plötzlich falsch an

Aber wo fängt Mobbing an? Tim erzählt, dass sich die Jungs in seiner Klasse seit seinem Coming-out anders verhalten. Mit einigen war er vorher befreundet, aber dann brachen sie den Kontakt ab. Nun soll er vielleicht mit drei von ihnen ein Zimmer teilen.
Für den Schüler fühlte sich seine Homosexualität plötzlich falsch an. „Warum darf jeder mit seinen Freunden in ein Zimmer, außer ich? Ich muss mit den Jungs in ein Zimmer, mit denen ich nicht zurechtkomme. Ich darf zuschauen, wie jeder mit seinen Freunden in ein Zimmer kommt.“
Die Schüler sind in Gastfamilien untergebracht. Die Zimmeraufteilung für die Klassenfahrt nimmt eine Agentur vor. Nach der Intervention des Direktors wird sie seinen Wunsch nun nicht weiter verfolgen.

Kampf mit Petition

Der Zehntklässler fühlt sich nicht ernst genommen. Er hat das Gefühl, man möchte sich nicht in seine Lage versetzen. Darum hat der Schüler eine Petition ge­s‍tartet, die schon über 800 mal unterschrieben wurde. Darin wirft der 15-Jährige auch weitere Fragen auf: Wie soll sich ein schwuler oder bisexueller Junge verhalten, wenn er sich gar nicht bei den Lehrern outen möchte? Was soll ein Schüler tun, der vom gleichen Geschlecht dafür gemobbt wird, daß er zu seiner sexuellen Orientierung steht?

Hier kannst Du die Petition unterstützen, 


Jährlich kämpfen Millionen von Schwulen und Lesben auf Chri­s‍topher Street Days um mehr Akzeptanz und dafür, beachtet zu werden. „Warum wird also bei jedem Schüler pauschal angenommen, er sei heterosexuell?“, fragt Tim.

Was, wenn er mit seiner Petition nicht weiterkommt? Schuldirektor Burmei­s‍ter hat den Schüler vor die Wahl gestellt: Entweder er geht mit auf Klassenfahrt nach Oxford und nimmt ein Zimmer mit drei Jungs – oder er bleibt in Deutschland und macht ein einwöchiges Praktikum.
Die Schulleitung und die SPD-Politikerin Birgit Hesse haben sich auf Anfrage bislang nicht geäußert. (Bild.de-Kriß Rudolph)

Sonntag, 20. August 2017



"Beißreflexe": Polemische Abrechnung mit dem Queerfeminismus ( geht in die nächste Runde)

Der Sammelband voller Kritik an queeren AktivistInnen schlägt hohe Wellen – und ruft Judith Butler wie auch Alice Schwarzer auf den Plan

Rufmord und Mobbing, Sprachpolizei und autoritäre AktivistInnen mit Allmachtsfantasien: Es ist ein schauerliches Bild, das in "Beißreflexe" vom queerem Aktivismus in Deutschland gezeichnet wird. Herausgeberin Patsy l’Amour laLove, Geschlechterforscherin und selbsternannte Polittunte, hat für den im März erschienenen Sammelband 27 Beiträge zusammengetragen, die sich überschwänglich der Kritik am deutschsprachigen Queer Feminismus widmen.
Queer, schreibt die Berliner Forscherin im Vorwort, sei nicht mehr die Kritik an der heterosexuellen Normalität, sondern nur noch ein Aktivismus, "in dem sich autoritäre Sehnsüchte durch Sprech-, Denk- oder Bekleidungsverbote ausdrücken" würden. Statt emanzipatorischer Bestrebungen Liebe zum Islam und Hass auf Israel, Hass auf bürgerliche Schwule und auf Weiße mit Dreadlocks. Illustriert wird dieser Befund mit Nacherzählungen von Konferenzen und linken Partys, von queeren Interventionen in der LGBT-Szene und Texten feministischer Wissenschaftlerinnen, die die Burka feiern oder das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung verhöhnen würden.

Mit deftigen Vokabeln wird dabei nicht gespart: Von Hexenjagd und Schwulenhatz ist da zu lesen, selbst der buchstäbliche Wahnsinn wird den ungeliebten AktivistInnen unterstellt. Auf Differenzierung legen die AutorInnen hingegen wenig Wert: All das verschmilzt zu dem Queer Aktivismus, zum Feindbild par excellence. Dennoch – oder gerade deshalb: Die Resonanz auf den im kleinen Querverlag erschienenen Band ist enorm: laLove und andere AutorInnen touren seit Monaten durch Buchläden und linke Szeneorte, in Wien lud die Buchhandlung für Schwule und Lesben, Löwenherz, im Rahmen der Vienna Pride zum Gespräch.

Breite mediale Debatte

"'Beißreflexe' hat einen Nerv getroffen. Es kommt zum richtigen Zeitpunkt, aber es ist nicht das richtige Buch", sagt Floris Biskamp, Soziologe und Politikwissenschaftler an der Universität Kassel. "Im Band werden Randphänomene aufgebauscht und als repräsentativ für Queer Feminismus oder die deutschen Geistes- und Sozialwissenschaften dargestellt. Manche Beiträge sind außerdem schlichtweg bösartig", sagt der Wissenschaftler im Gespräch mit dem STANDARD.
Zur Popularität des Buchs trug zuletzt auch die "Emma" bei. "Uni: Denkverbote & Psychoterror: Was ist los?", titelte das feministische Magazin und schloss nahtlos an die Berichterstattung über "Hetzfemini­s‍tinnen" an, die im Netz ihr Unwesen treiben würden und von denen sich Alice Schwarzer persönlich verfolgt sieht.




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Vojin Saša Vukadinović, "Beißreflexe"-Autor, Historiker und ehemaliger Student der Gender-Studies, lieferte in der "Emma" eine Generalabrechnung mit der jungen Disziplin, die er zum "akademischen Sargnagel der Frauenemanzipation" erklärt. Wissenschaftlerinnen würden mit unverständlichen Begriffen arbeiten und kulturrelativi­s‍tisch agieren, Promovierende statt Gefängnisse und Frauenhäuser ihre Lieblingsserien beforschen, so die polemische Analyse des Autors. Aufgrund direkter Angriffe auf die deutsche Soziologin Sabine Hark und die US-amerikanische Philosophin Judith Butler – vor allem in Europa akademischer Superstar der Gender- und Queer-Studies – fühlten sich die beiden renommierten Wissenschaftlerinnen zu einer Antwort in der "Zeit" bemüßigt und reagierten auf die "Verleumdung".
Auf der Website des deutschen "Missy Magazine", dessen Redakteurin Hengameh Yaghoobifarah im "Beißreflexe"-Buch als eine Art Anführerin des deutschsprachigen Queer Feminismus auftaucht, veröffentlichte wiederum Soziologin Paula-Irene Villa einen Text, in dem sie Absatz für Absatz auf die von Vukadinović formulierten Argumente eingeht. "Forschungsarbeiten über Lieblingsserien schaffen Wissen. Und das ist die Funktion von Wissenschaft", antwortet Villa da trocken.

Immer wieder Gender-Studies

Auch wenn ein schneller Blick in das Programm der letzten Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Geschlechterforschung durchaus einen geisteswissenschaftlichen Schwerpunkt erkennen lässt – Geschlechterforschung beschränkt sich keineswegs auf TV-Serien und Theoriearbeit.
Die Behauptung des "Emma"-Autors, nicht eine Arbeit aus den Gender-Studies habe in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine gesellschaftspolitische Debatte geprägt, hält Sabine Grenz, die im April die interdisziplinäre Professur für Gender-Studies an der Universität Wien angetreten ist, für sehr gewagt. "Debatten um die Quote, die Pflege von Familienmitgliedern, die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familie, die gläserne Decke, die Diskriminierung von Frauen in bestimmten Bereichen, um nur einige Beispiele zu nennen, gehen unter anderem auf Untersuchungen der Genderforschung zurück, die ja die empirischen Daten geliefert haben", sagt Grenz.
Dass gerade die Gender-Studies immer wieder unter Beschuss stehen, obwohl komplexe Theorien Gegenstand sämtlicher wissenschaftlicher Disziplinen sind, führt die Professorin auf das weit verbreitete Alltagswissen über Geschlecht zurück, das durch die Geschlechterforschung hinterfragt wird: "Das verunsichert viele Menschen – erst recht, wenn sie die wissenschaftlichen Texte nicht verstehen."

Schutzräume und Verletzungen

Der Streit über modernen Queer Feminismus und linke Bewegungen ist indes längst nicht auf Deutschland beschränkt. Er tobt auch an US-amerikanischen (Elite-)Universitäten, wo viele der Theorien und Konzepte entwickelt werden, die auch hierzulande Queer Feministinnen prägen. Lehrende berichten von StudentInnen, die bei als problematisch empfundenen Begriffen oder AutorInnen intervenieren – und ihren Unmut auch online verbreiten.
Cynthia Belmont, Professorin für Gender und Women’s Studies am Northland College in Wisconsin, berichtet im Onlinemagazin "Salon.com" von der Belehrung einer Kollegin, die im Gespräch über die Stonewall-Prote­s‍te den Begriff Dragqueen verwendet hatte – dieser sei inkorrekt und abwertend. "Junge Studierende sind heute sehr sensibel gegenüber verschiedenen Diskriminierungsformen, und das finde ich wichtig und gut. Allerdings glaube ich nicht, dass der Fokus so stark auf persönlichen Verletzungen liegen sollte", sagt Belmont im STANDARD-Interview. Die Aufmerksamkeit ihrer Studierenden möchte die Professorin vom Individuum weg wieder stärker auf das Kollektiv lenken. "Die Lösung können nicht von potentiellen Verletzungen freie Safe Spaces sein, wir sollten vielmehr Machtverhältnisse kritisch und systematisch beleuchten."

Foto-Junge Welt

Schutzräume und Verletzungen durch Sprache sind auch in "Beißreflexe" Thema, wo die AutorInnen von der Moralkeule berichten, die von queer Feministinnen eifrig geschwungen werde. Die von Patsy l’Amour laLove kritisierte Hierarchisierung von Diskriminierungsformen – Rassismus und Transfeindlichkeit würden in der Szene als am schlimmsten gelten – identifiziert auch Politologe Biskamp als Problem. So würde der Rassismus Vorwurf häufig alles andere "übertrumpfen", Debatten dadurch erschwert oder verunmöglicht.
Auch der von den KritikerInnen unterstellte Fokus auf Sprache und Sprachpolitik sei durchaus feststellbar. "Das führt dazu, dass in linken Szenen eine streng kodifizierte, wenig intuitive Sprache gesprochen wird. Wenn Verstöße gegen die Sprachregeln dann auch noch streng sanktioniert werden, wirkt das natürlich abschreckend", sagt Biskamp. Diese Sprache zu lernen falle Menschen mit akademischem Hintergrund tendenziell leichter – wodurch das ohnehin exklusive Umfeld sich weiter verenge.
Über solche Codes und Normen linker, feministischer Szenen eine sachliche – und damit fruchtbare – Debatte anzuregen war den AutorInnen der "Beißreflexe" angesichts ausschweifender Polemik wohl kaum ein ernsthaftes Anliegen. "Und außerhalb der Szenen freut man sich: Die Linken spinnen, sie sagen es ja selbst", meint Floris Biskamp (derstandard.de-Brigitte Theißl)